Wer als Freiberufler oder Solopreneur arbeitet, kennt das Problem: Keine betriebliche Altersvorsorge, kein Arbeitgeberzuschuss, kein automatischer Sparplan aus der Lohnbuchhaltung. Der Vermögensaufbau ist komplett Eigensache. Viele schieben das Thema Börseninvestment jahrelang vor sich her, obwohl gerade Selbstständige früh damit anfangen müssten. Ein Depot lässt sich heute in unter einer Stunde eröffnen. Der schwierigere Teil ist, es mit einer klaren Strategie zu befüllen.
Warum Selbstständige anders denken müssen als Angestellte
Ein Angestellter mit 3.500 Euro Nettogehalt weiß jeden Monat, was auf sein Konto kommt. Ein Solopreneur mit 60.000 Euro Jahresumsatz hat im Januar vielleicht 800 Euro übrig und im März 4.200 Euro. Dieses unregelmäßige Einkommen ist der entscheidende Unterschied beim Investieren. Wer versucht, einen festen Monatssparplan von 500 Euro zu fahren, gerät in mageren Monaten schnell unter Druck und bricht den Plan ab.
Sinnvoller ist ein prozentualer Ansatz: Vom Nettogewinn nach Steuern und Rücklagen gehen zum Beispiel 20 Prozent ins Depot. Wer im Februar 2.000 Euro Nettogewinn hat, investiert 400 Euro. Wer im Oktober 5.000 Euro erwirtschaftet, investiert 1.000 Euro. Das Depot wächst unregelmäßig, aber es wächst. Außerdem sollte ein separater Liquiditätspuffer von mindestens drei Monatsausgaben auf einem Tagesgeldkonto liegen, bevor überhaupt der erste Euro an die Börse fließt. Ohne diesen Puffer wird das Depot bei einer Auftragsflaute zur Notfallkasse, und genau dann, wenn die Märkte schlecht stehen.
Broker-Wahl: Worauf es beim ersten Depot wirklich ankommt
Der Markt für Online-Broker ist in den letzten fünf Jahren erheblich transparenter geworden. Für Solopreneure, die ein einfaches Depot ohne aktives Trading betreiben wollen, sind die Kosten das wichtigste Kriterium. Broker wie Scalable Capital, Trade Republic oder die ING bieten kostenlose ETF-Sparpläne an. Wer später aktiver handeln oder einzelne Aktien kaufen möchte, sollte die Ordergebühren vergleichen: Bei manchen Brokern kostet eine Order pauschal 1 Euro, bei anderen bis zu 12,90 Euro plus Börsenplatzgebühren.
Relevante Punkte bei der Entscheidung:
- Einlagensicherung: Deutsche Broker unterliegen der gesetzlichen Einlagensicherung bis 100.000 Euro für Guthaben. Wertpapiere im Depot sind Sondervermögen und separat geschützt.
- Steuerautomatik: Inländische Broker führen Abgeltungssteuer und Solidaritätszuschlag automatisch ab. Bei ausländischen Brokern muss man das selbst über die Steuererklärung regeln.
- Freistellungsauftrag: Unbedingt gleich bei Depoteröffnung einen Freistellungsauftrag über 1.000 Euro (Stand 2024) einrichten, damit Kapitalerträge bis zu dieser Grenze steuerfrei bleiben.
- Sparplan-Mindestbetrag: Manche Broker starten Sparpläne ab 1 Euro, andere erst ab 25 Euro. Das spielt bei unregelmäßigem Einkommen eine Rolle.
ETF-Basisportfolio: Einfach, konkret, günstig
Für den Einstieg empfiehlt sich ein simples Setup, das sich auch mit wenig Zeitaufwand langfristig durchhalten lässt. Ein einziger thesaurierender ETF auf den MSCI World oder den FTSE All-World deckt über 1.500 beziehungsweise 4.000 Unternehmen weltweit ab. Die jährlichen Kosten (TER) liegen bei Produkten von Vanguard oder iShares zwischen 0,07 und 0,22 Prozent. Wer 10.000 Euro investiert hat, zahlt damit zwischen 7 und 22 Euro Gebühren pro Jahr, nicht pro Transaktion.
Ein konkretes Basisportfolio für Solopreneure könnte so aussehen:
| Baustein | Produkt (Beispiel) | Anteil |
|---|---|---|
| Weltaktien | Vanguard FTSE All-World (thes.) | 70 % |
| Eurozone-Aktien | iShares MSCI EMU | 20 % |
| Anleihen/Stabilisierung | Xtrackers Global Gov. Bond | 10 % |
Dieses Portfolio ist keine Empfehlung, sondern ein Beispiel für Strukturdenken. Wer keine Anleihen möchte oder einen stärkeren Schwellenländeranteil bevorzugt, passt die Gewichtung an. Entscheidend ist, die gewählte Aufteilung dann auch konsequent beizubehalten, statt bei jeder Marktkorrektur umzuschichten.
Marktbeobachtung ohne Zeitverlust
Ein häufiger Fehler beim Einstieg ist, täglich ins Depot zu schauen und bei jeder Kursbewegung nervös zu werden. Für Solopreneure, die ihr Geld langfristig anlegen, reicht eine monatliche oder quartalsweise Überprüfung vollkommen aus. Wer dennoch verstehen möchte, wie die eigenen Positionen im Marktkontext stehen, kann Chartanalyse-Tools nutzen. Das browserbasierte Tool tradingview erlaubt es, Kursverläufe einzelner ETFs oder Indizes direkt zu vergleichen, ohne dass man dafür ein Handelskonto eröffnen muss. Solche Werkzeuge helfen dabei, Marktphasen besser einzuordnen und ruhiger zu bleiben, wenn es kurzzeitig abwärts geht.
Steuerliche Besonderheiten für Freelancer
Selbstständige haben gegenüber Angestellten einen steuerlichen Nachteil beim Investieren: Die Kapitalerträge kommen obendrauf auf ein Einkommen, das je nach Gewinn bereits mit dem Spitzensteuersatz von 42 Prozent oder mehr belastet ist. Die Abgeltungssteuer von 25 Prozent auf Kursgewinne und Dividenden ist pauschal und unabhängig vom persönlichen Steuersatz, was für gut verdienende Selbstständige tatsächlich ein Vorteil sein kann.
Wer mit dem Finanzamt Verluste verrechnen möchte, muss wissen: Verluste aus Aktienverkäufen können nur mit Aktiengewinnen verrechnet werden, nicht mit ETF-Gewinnen. Verluste aus ETF-Verkäufen hingegen sind mit Gewinnen aus fast allen anderen Kapitalerträgen verrechenbar. Das ist ein Detail, das bei der Portfoliokonstruktion eine Rolle spielen kann, wenn man ohnehin plant, den Aktienanteil aktiver zu managen.
Ein eigenes Geschäftskonto und ein privates Depot sollten strikt getrennt bleiben. Gewinne aus privaten Kapitalanlagen gehören nicht zur gewerblichen oder freiberuflichen Tätigkeit und werden über die Anlage KAP in der Einkommensteuererklärung angegeben, sofern die Bank nicht bereits vollständig abgeführt hat.
Den richtigen Moment gibt es nicht
Viele Selbstständige warten auf den richtigen Zeitpunkt zum Einstieg. Der existiert nicht. Wer 2020 im März, dem Tiefpunkt der Corona-Korrektur, eingestiegen ist, hatte Glück. Wer ein Jahr später zu Höchstkursen kaufte, hat langfristig trotzdem eine positive Rendite erzielt, weil Märkte über Jahrzehnte strukturell nach oben tendieren. Das Cost-Averaging, also der regelmäßige Kauf unabhängig vom Kurs, glättet Einstiegspreise automatisch über die Zeit.
Wer als Solopreneur 200 Euro im Monat in einen MSCI-World-ETF investiert, hat bei einer historischen Durchschnittsrendite von etwa 7 Prozent pro Jahr nach 20 Jahren rund 104.000 Euro angespart, davon etwa 56.000 Euro eingezahltes Kapital und 48.000 Euro Rendite. Diese Zahlen berücksichtigen keine Steuern und keine Kosten, geben aber eine realistische Größenordnung. Der beste Zeitpunkt, damit anzufangen, ist heute.


